Haben Sie schon mal über Organspende nachgedacht? Pro Jahr sind 12 000 Deutsche auf diese Nächstenliebe angewiesen - mit zehn Fragen und Antworten wollen wir Ihnen die Entscheidung erleichtern
1. Organtransplantation - bringt das überhaupt etwas?Ja, denn seit Christiaan Barnard vor knapp 40 Jahren das erste Herz verpflanzt hat, das aber nur 18 Tage lang schlug (der Patient starb an einer Infektion), ist die Erfolgsrate von Transplantationen heute sehr hoch.
Einige Beispiele: Nach fünf Jahren funktionieren mehr als 71 Prozent der gespendeten Nieren. Bei Leber, Bauchspeicheldrüse und Herz liegen die Zahlen nur geringfügig darunter. Von den transplantierten Lungen arbeitet nach fünf Jahren allerdings etwa nur noch jede zweite. Besonders gut stehen die Chancen jedoch bei der Übertragung von Augenhornhäuten: 95 Prozent besitzen nach einem Jahr noch ihre volle Funktionsfähigkeit, nach fünf Jahren sind es immerhin 80 Prozent. (siehe auch Experten-Kommentar auf der 3. Seite).
2. Kann ich sicher sein, dass ich wirklich tot bin, wenn meine Organe entnommen werden?Keine Sorge, vor einer Organentnahme stellen zwei Experten unabhängig voneinander den zweifelsfreien Hirntod fest - das ist der Zustand, bei dem jede Wiederbelebung sinnlos wäre. Dafür gibt es genaue medizinische Regeln, die garantiert eingehalten werden. Um einen Organspender für tot zu erklären, reicht es zum Beispiel nicht, dass "nur" das Herz stillsteht. Katja Ruge
3. Darf ich auch einzelne Organe spenden - zum Beispiel die Hornhaut, nicht aber das Herz?Ja. Wer sein Herz oder einen anderen Teil seines Körpers nicht weitergeben möchte, muss das nur auf dem Organspendeausweis vermerken - dieser Wunsch wird auf jeden Fall respektiert.
4. Kann ich meine Bereitschaft zur Spende wieder rückgängig machen?Man kann sich jederzeit umentscheiden. Einfach den Organspendeausweis zerreißen, sicherheitshalber einen neuen besorgen, die geänderte Meinung dokumentieren und Freunde oder Familie darüber informieren.
5. Was passiert, wenn ich Organspender werden möchte, meine Angehörigen aber dagegen sind?Ab dem 16. Lebensjahr kann man sich ohne Einwilligung der Eltern (oder später des Ehepartners) zur Organspende entschließen. "Jede im Organspendeausweis festgehaltene Entscheidung ist wie ein Testament rechtsverbindlich", sagt Claudia Hagel von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Sollten die Angehörigen sich trotzdem vehement gegen eine Organentnahme wehren, versuchen Ärzte und Psychologen, ihnen die Bedenken zu nehmen - in den meisten Fällen mit Erfolg. Es empfiehlt sich aber, mit der Familie über die Entscheidung zu sprechen, um ihr solche Diskussionen zu ersparen.
6. Kann man zum Spenden zu alt sein?Erst nach dem Tod können die Ärzte beurteilen, ob sich ein Organ zur Transplantation eignet. Dabei ist das kalendarische Alter des Spenders weniger ausschlaggebend als das biologische: Ein Sechzigjähriger kann durchaus ein so starkes Herz haben wie ein durchschnittlicher Vierzigjähriger. Zudem gibt es Organe, die normalerweise bis ins Alter einwandfrei funktionieren (z. B. Augenhornhaut und Gehörknöchelchen). Auch wer sich erst als Senior entschließt, Spender zu werden, kann damit Leben retten. Solange es nicht genug Spender gibt, wird jedes funktionstüchtige Organ gebraucht.
7. Kann ich selbst bestimmen, wer nach meinem Tod meine Organe bekommen soll?Nein. Nach dem Tod eines spendewilligen Patienten informieren die Ärzte die nächstgelegene Organisationszentrale der Koordinierungsstelle für Organspende in Deutschland (DSO). Sie veranlasst alle notwendigen Laboruntersuchungen und medizinischen Tests. Dann nehmen die Mitarbeiter Kontakt zum Verbund Eurotransplant in Leiden (Niederlande) auf - einer gemeinnützigen Stiftung. Auf deren Wartelisten wird nach dem passenden Empfänger für das jeweilige Spenderorgan gesucht - allein nach medizinisch begründeten Regeln, insbesondere nach Notwendigkeit, Erfolgsaussicht und Dringlichkeit. Dieses Verfahren ist notwendig, weil die Spenderorgane möglichst gerecht verteilt werden sollen. Auch der "Rangplatz" eines Empfängers kann sich während der oft langen Wartezeit ändern - beispielsweise dann, wenn neue Medikamente auf den Markt kommen, die eine Transplantation zwar nicht überflüssig, aber nicht mehr ganz so dringlich machen.
8 Sind meine Organe überhaupt noch verwendbar, wenn ich eine schwere Krankheit hatte, zum Beispiel Krebs?Nur eine HIV-Infektion (die zu AIDS führen kann) ist ein absolutes Ausschlusskriterium. Wer eine Krebserkrankung überstanden hat, kann jedoch Organspender werden - unter der Voraussetzung, dass er mindestens fünf Jahre frei von Metastasen war. Ansonsten beurteilen die Ärzte erst nach dem Hirntod des Spenders, ob Infektionen oder andere Erkrankungen den Empfänger gefährden könnten. Wenn man an einer chronischen Krankheit leidet (zum Beispiel Diabetes), ist es dennoch hilfreich, wenn man das auf dem Organspendeausweis vermerkt.
9. Kann ich meiner nierenkranken Freundin schon zu Lebzeiten eine Niere spenden?Sofern die Nieren topfit sind und man allgemein gesund ist, kann man grundsätzlich auch mit einer Niere auskommen und die zweite spenden. Das Transplantationsgesetz erlaubt allerdings eine solche "Lebendspende" nur unter nahen Verwandten (zum Beispiel Eltern oder Geschwister), Ehepartnern, Verlobten oder sich besonders nahe stehenden Personen. Dazu würde dann auch die beste Freundin zählen. Bei Nichtverwandten überprüft eine Kommission allerdings genau die Beweggründe und den Grad der Verbundenheit. Damit soll verhindert werden, dass Organe illegal verkauft werden.
10. Was passiert nach der Organentnahme mit meinem Körper?Wie bei jeder anderen Operation werden die Wunden versorgt. Danach können die Angehörigen den Toten noch einmal sehen - er sieht dann genau so aus wie andere Verstorbene und kann anschließend bestattet werden.
Expertenwissen: Routine, die noch verbessert werden kannDie Idee, Organe zu transplantieren, hat die Menschheit schon immer fasziniert, allerdings konnte sich erst Anfang der achtziger Jahre, mit der Entdeckung des Cyclosporins, einem wirksamen Medikament zur Unterdrückung einer Organabstoßung, die Transplantation als Routineverfahren durchsetzen. Bis heute konnten seitdem allein in Deutschland etwa 12 000 Leber und 54 000 Nierentransplantationen vorgenommen werden.
Die Anzahl der Spenderorgane reicht jedoch bei Weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken. Daher hat sich beispielsweise bei der Lebertransplantation mittlerweile als Alternative die sogenannte Leberlebendspende etabliert, die in ungefähr zehn Prozent der Fälle angewendet werden kann. Hierbei spendet ein gesunder Erwachsener freiwillig einem Verwandten oder nahen Angehörigen ein Teil seiner eigenen Leber, die dann innerhalb weniger Wochen zur ursprünglichen Größe nachwächst. Obwohl die Transplantation heute ein etabliertes Verfahren zur Behandlung irreversibler Organversagen von Niere, Leber, Herz, Bauchspeicheldrüse und sogar Dünndarm geworden ist, gibt es nach wie vor viele Probleme.
So kann zwar die Abstoßung eines Organs mittlerweile weitestgehend verhindert werden, aber es kann mit der Zeit zu Nebenwirkungen der die Abstoßung unterdrückenden Medikamente kommen (zum Beispiel Osteoporose, Nierenschädigungen, Nervenerkrankungen oder sogar Krebs). Da es aber in absehbarer Zeit wahrscheinlich keine gleichwertigen Alternativkonzepte geben wird (etwa künstliche Organe oder solche aus Stammzellen), konzentriert sich die aktuelle Forschung vor allem darauf, diese medikamentöse Begleitbehandlung zu verbessern bzw. durch neue Therapiekonzepte langfristig überflüssig zu machen. So arbeiten Wissenschaftler unter anderem an Antikörpern, die die Immunantwort unterdrücken.
Werden Sie Lebensretter!Es bleibt selbstverständlich Ihre persönliche Entscheidung. Aber wenn Sie spontan sagen "Ja, ich mache mit und werde Organspender", würden wir uns freuen. healthy living unterstützt die Kampagne der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung. Sie zögern noch oder haben weitere Fragen? Die Deutsche Stiftung Organtransplantation gibt Ihnen gerne umfassende Informationen. Adresse: Emil von Behring-Passage, 63263 Neu-Isenburg, Telefon: 0 61 02/30 08-0, oder unter: www.dso.de.
Artikel mit freundlicher Genehmigung von:
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