Eine Impfung gegen Krebs? Das klingt zu schön, um wahr zu sein! Krebserkrankungen sind neben Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems eine der Haupttodesursachen in Europa. In Deutschland sind im Jahr 2010 rund 225.000 Menschen einem Krebsleiden erlegen.
Bislang rückt man den tödlichen Krebsgeschwüren mit Skalpell, Chemotherapie oder Bestrahlung zu Leibe. Die oft langwierigen Behandlungen mit ungewissem Ausgang belasten den Patienten körperlich und seelisch. Der Gedanke, den Krebs wie die Pocken oder Polio präventiv mit einer Impfung zu bekämpfen, scheint verlockend.
Mit Impfungen nicht nur Infektionskrankheiten vorbeugen
Für Gebärmutterhalskrebs, der mehrheitlich durch das sexuell übertragbare Human-Papilloma-Virus (HPV) verursacht wird, gibt es bereits eine Impfung. Die ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut empfiehlt diese Impfung vor allem für Mädchen und junge Frauen.
Vorbeugen besser als Heilen – das lernen schon die Jüngsten unter uns in Kindergarten und Schule. Doch auch in der sogenannten Sekundär- und Tertiärprävention gibt es neue Entwicklungen: Weltweit gibt es Wissenschaftler und Mediziner, die Impfungen gegen Krebs schon jetzt erfolgreich in der Krebstherapie einsetzen.
Schlüssel des Ganzen ist das körpereigene Immunsystem. Die Zellen des Immunsystems sind darauf spezialisiert, Krankheitserreger und beschädigte Körperzellen schnell zu erkennen und zu vernichten. Impfungen regen das Immunsystem dazu an, spezifische Antikörper auszubilden und ermöglichen es dem Körper so, den Krankheitserreger zu erkennen und zu vernichten. Eine simple Idee, die doch eigentlich auch für Krebszellen funktionieren müsste, oder?
Krebszellen kommen nicht von außerhalb in den Körper - es sind körpereigene Zellen. Aus diesem Grund kann das sonst so raffinierte Immunsystem sie oft nicht erkennen. Das gilt insbesondere dann, wenn es durch andere Krankheiten oder Immundefekte ohnehin geschwächt ist. Durch eine Mutation können sich die Krebszellen besonders schnell teilen, so dass ein Tumor entstehen kann. Für dieses Wachstum benötigen die Zellen viel Energie, die sie dem Körper an anderer Stelle entziehen und ihn so langsam auszehren.
Während durch eine Operation oder Bestrahlung der Tumor entfernt bzw. zerstört wird, hemmen medikamentöse Therapien wie die Chemotherapie das Wachstum der Krebszellen, in dem sie die Zellteilung verlangsamen. Da die sogenannten Zytostatika nicht zwischen den Krebszellen und gesunden Zellen des Körpers differenzieren, werden auch alle anderen Wachstums- und Regenerationsprozesse im Körper gehemmt. Aus diesem Grund fühlen sich die Patienten während der Chemotherapie oft matt und ausgelaugt, verlieren ihre Körperhaare und sind besonders infektionsgefährdet. Und auch nach einem Therapieerfolg kann ein Wiederauftreten der Krebszellen oft nicht ausgeschlossen werden. Im fortgeschrittenen Krankheitsverlauf dient die Chemotherapie in vielen Fällen als lebensverlängernde Maßnahme, Heilungschancen sind gering.
Das eigene Immunsystem im Kampf gegen den Krebs nutzen
Aufgrund der starken Nebenwirkungen und teilweise mageren Therapieerfolge einer Chemotherapie (nicht alle Krebsarten sprechen darauf an) ist die Suche nach wirksameren und weniger belastenden Therapieverfahren umso wichtiger. Gerade weil die Chemotherapie nicht wie ein Breitband-Antibiotikum gegen Krebs eingesetzt werden kann, gewinnen individuellere Therapieverfahren weiter an Bedeutung.
An der Hautklinik des Universitätsklinikums Erlangen verfolgt man den Ansatz, sich das Immunsystem bei der Bekämpfung des schwarzen Hautkrebses zu Nutzen zu machen, bereits seit 15 Jahren. Professor Gerold Schuler, Chefarzt der Hautklinik, und Privatdozentin Dr. Beatrice Schuler-Thurner haben nach langer Forschungsarbeit zusammen eine Impfung gegen das maligne Melanom entwickelt.
Dendritische Zellen können den Krebs erkennen – und unschädlich machen
In diesem Zusammenhang spielen die sogenannten dendritischen Zellen eine besondere Rolle. Schon 1973 hat der Wissenschaftler Ralph Steinman sie entdeckt und erforscht. Allerdings bedurfte es viele Jahre der Überzeugungsarbeit, bis die Existenz der Zellen anerkannt wurde. Für seine Forschungsergebnisse erhielt der bereits verstorbene Steinman 2011 schließlich den Nobelpreis – der erste Nobelpreis, der posthum verliehen wurde.
Die dendritischen Zellen bilden mit den T-Zellen sowie anderen Immunzellen, die im Knochenmark entstehen, die Immunabwehr des Körpers. Sobald Keime und Krankheitserreger zum Beispiel die Hautbarriere durchbrochen haben, werden sie von den dendritischen Zellen in Empfang genommen und als Eindringling erkannt . Im Anschluss werden spezifische Informationen über den Angreifer (Oberflächenerkennungsmoleküle des Angreifers) an die T-Zellen weitergegeben, woraufhin diese sich vermehren und die Eindringlinge so bei einem erneuten Angriff schnell unschädlich machen können.
Im Labor lassen sich die zuvor dem Körper entnommenen dendritischen Zellen umprogrammieren, so dass diese künftig auch die Krebszellen erkennen können. Per Impfung gelangen sie zurück in den Körper, wo sie ihre Mission gegen den Krebs beginnen können. Die Informationen über die Krebszellen werden dort an die T-Zellen weitergegeben - das Immunsystem weiß nun, wie es die Krebszellen bekämpfen kann. Auf diese Weise lässt sich das Krebswachstum aufhalten. Da die aufgebaute Immunantwort mit der Zeit wieder schwächer wird, wird mit Auffrischungsimpfungen das Immunsystem restimuliert.
Dieser Impfstoff wurde im Laufe der Zeit immer wieder verbessert, insgesamt wurden damit in Erlangen bereits etwa 400 Patienten behandelt. Im Rahmen einer abgeschlossenen Studie, die demnächst veröffentlich wird, zeigte sich, dass selbst bei Patienten, bei denen der Tumor schon über die regionären Lymphknoten hinaus gestreut hatte, selbst nach sechseinhalb Jahren noch jeder vierte Patient lebt . Mit der Therapie erhielten die Patienten eine neue Chance. Eine dieser Patienten ist die an schwarzem Hautkrebs erkrankte Monika Holdgrün, die am 25. Oktober 2011 im NDR-Gesundheitsmagazin Visite von ihrer Geschichte und den Erfahrungen mit der experimentellen Therapie erzählt hat. Zu Beginn ihrer Behandlung in Erlangen hatte der Krebs bereits zahlreiche Metastasen im Körper gebildet. Dementsprechend fiel auch ihre Prognose aus: Ärzte gaben Monika Holdgrün nur noch wenige Monate zu leben. Als sie von der innovativen Impftherapie erfuhr, schöpfte Monika Holdgrün neue Hoffnung. Nach einer weiteren Operation sowie einer Chemotherapie, die den Krebs im Körper schwächte, wurde sie in die Studie der Erlangener Dermatologen aufgenommen. Drei Jahre später ist sie entgegen aller Prognosen noch immer am Leben, die Tumore haben sich sämtlich zurückgebildet. Und wenngleich immer noch die Sorge besteht, dass die Krebserkrankung eines Tages wieder aufleben könnte, so führt Monika Holdgrün doch ein -, bis auf die in 6-monatigen Abständen stattfindende Impfung in Erlangen, beschwerdefreies Leben - dank der dendritischen Zellen in ihrem Körper.
Obwohl an der Uniklinik Erlangen in erster Linie der schwarze Hautkrebs, auch malignes Melanom genannt, mit der experimentellen Therapie behandelt wird, kommt die Behandlung mit den dendritischen Zellen im Ausnahmefall auch für andere Krebsarten in Frage. „Ob eine Behandlung mit Dendritischen Zellen bei den einzelnen Krebsarten sinnvoll und indiziert ist, muss im Dialog mit den betreuenden Fachärzten der Patienten im Einzelfall erörtert werden.“, erklärt Dr. Beatrice Schuler-Thurner und verweist auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Klinik, welche durch ein Tumorboard unter Teilnahme von Radiologen, Strahlentherapeuten, Chirurgen und Onkologen abgesichert wird.. Sofern die Patienten nicht den Aufnahmekriterien für die Studie entsprechen, eine Behandlung aber dennoch sinnvoll erscheint, kann diese als kostenpflichtige medizinische Wahlleistung in Anspruch genommen werden. Bei nachgewiesener medizinischer Notwendigkeit bestehen Aussichten auf eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse, so Schuler-Thurner.
Auch wenn die Dendritische Zelltherapie für viele Studienteilnehmer die letzte Hoffnung darstellt, eignet sich die Behandlung vor allem für Patienten mit langsam wachsendem Krebs. Besonders schnell und damit aggressiv wachsende Tumoren lassen den dendritischen Zellen im Körper hingegen kaum Zeit, die Immunabwehr aufzubauen.
Gute Aussichten für die Dendritische Zelltherapie
Das Prinzip der Impftherapie ist einfach, aber genial und weckt Hoffnungen für die Zukunft. Trotzdem befindet sich dieses Therapieverfahren derzeit noch in der klinischen Prüfung. Vielerorts laufen bereits ähnliche Studien, die die dendritischen Zellen in der Krebsbekämpfung in den Fokus setzen. Allein seit 2010 sind in der umfangreichsten Medizin-Datenbank der Welt www.pubmed.gov über 1.700 Aufsätze und Forschungsberichte zu diesem Thema veröffentlicht worden. Erste Impftherapien dieser Art haben bereits die klinische Phase überstanden: 2010 wurde in den USA ein Impfstoff zugelassen, der das Leben von eigentlich austherapierten Prostatakrebs-Patienten durchschnittlich um weitere vier Monate verlängern kann. Vor allem die Kombination von Dendritischer Zelltherapie mit konservativen Krebstherapien scheint für den Kampf gegen den Krebs vielversprechend.
Unter fachgerechter medizinischer Betreuung sind die Nebenwirkungen der Dendritischen Zelltherapie gegenüber denen der Chemotherapie vergleichsweise gering.
Wirkungen und Nebenwirkungen der Dendritischen Zelltherapie werden die Forscher auch in Zukunft beschäftigen. Langzeitergebnisse stehen noch aus, doch die Tendenz ist positiv. Im Rahmen der Forschungen wird u.a. eine stärkere Individualisierung der Impftherapie angestrebt. Den dendritischen Zellen sollen künftig im Labor mehr Informationen über die spezifischen Eiweiße der Krebszellen mitgegeben werden, so dass Krebszellen im Körper ganz gezielt erkannt werden können.